UKRAINE Lemberg & Kiev Reisebericht

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text: tjark METZNER, basel mai 2009

München - Lemberg Reisebericht


Am 22. Dezember 2007 war es soweit, wir (Martin & Tjark) sollten die Strecke bis nach Wladiwostok ausschließlich auf dem Landweg zurücklegen.

Bevor wir den EC 63 bestiegen, kauften wir noch die letzten Souvenirs wie z.B. kleine bayrische Bären aus Plüsch - in Russland sind derartig kitschige Mitbringsel äußerst willkommen. Wir hatten schon in München Probleme überhaupt einen Platz im EC 63, der von der ÖBB gestellt wurde, zu finden. Wir entschlossen uns erst den Zusatzwagen von München nach Wien zu benutzen und dann in Wien Westbahnhof in den Stammzug bis nach Budapest Keleti-pu zu wechseln. Dieser Zug verkehrt seit Dezember 2008 als RJ / Railjet.

Zuerst trafen wir ein paar japanische Touristen, welche uns bestaunten, da wir - wie man sich das von richtigen Bayern vorstellt - die ganze Fahrt Brezn mampften. Ab Wien Westbahnhof teilten wir uns ein Abteil mit einer iranischen Mutter mit zwei Kindern. Damals ahnten wir noch gar nicht, welchen Einfluss die Mutter auf unsere zukünftige Reise-planung haben sollte. Die gebürtige Iranerin lebt in Kassel und wollte gerade einen Bruder in Ungarn besuchen. Wir unterhielten uns über viele Themen, insbesondere über die geopolitische Situation des Iran. Nicht zu kurz kamen die Themen Essen und Kultur. Sie schwärmte von Isfahan und weiteren iranischen Städten. Ein Jahr später sind wir dann tatsächlich in Iran gewesen und waren sehr froh, dieses einzigartige Land besucht zu haben.


Nun hatten wir circa anderthalb Stunden Zeit um uns in Keleti-pu mit einer Fahrkarte nach Zahony auszustatten. Da internationale Fahrkarten im Vergleich zu Inlandsfahrkarten in Ungarn sehr teuer sind, hatten wir uns entschlossen bis nach Zahony mit dem Binnentarif zu fahren. Von Zahony nach Chop besorgte ich schon Wochen vorher die internationale TCV Fahrkarte. Da wir aber schon auf unserer Balkantour schlechte Erfahrungen mit einer internationalen Fahrt plus Binnenfahrschein hatten, mussten wir uns etwas ausdenken. Der Zug 628 (Belgrad-)Budapest-Zohony-Chop-Lemberg(-Kiev) hatte in Zahony einen Aufenthalt von 70 Minuten. Wir verließen den Zug und schlenderten einmal um den Bahnhof. Danach bestiegen wir den ukrainischen Schlafwagen des gleichen Zuges und die Ungarn machten noch die notwendige Pass-/Grenzkontrolle.

Ein Schweizer teilte sich mit uns für diese Nacht den dreier 

Schlafwagenabteil. Nach dem langen Stopp in Zahony fuhr der Zug erst über einen kleinen Fluss und dann durch eine Hochsicherheitszone und erreichte nach etwa 18 Minuten Fahrt den Bahnhof von Chop und anschließend die Umspuranlagen. Währenddessen wurden uns von den Ukrainern schon unsere 

Reisepässe gestempelt. In der Umspuranlage ging es für die Wagen des Zuges hoch hinaus. Im Freien werden die Wagen mit mechanischen Hebebühnenelementen 1,5 Meter hochgehoben (resultierender Gesamtaufenthalt: 108 Minuten). Außerdem wird das gesamte Areal mit Licht geflutet und die Arbeiter schwirren um die Wagen wie Ameisen. Nach einer Stunden sind alle Achsen der Normalspur gegen Breitspurachsen getauscht.

Wir hingegen zogen es vor, unseren ukrainischen Schlafwagen nicht zu verlassen, da uns am nächsten Tag ein hartes Besichtigungsprogramm in Lemberg erwartete und es außerdem in der nähe der Karpaten auch diese Nacht schon empfindlich kalt geworden war.



ЛЬВОВ / Lemberg Reisebericht

Sonntag, 23. Dezember 2007


Als wir aufwachten begrüßte uns die Ukraine ganz in weiß. Da wir das erste mal in der Ukraine waren, hatte sich eine gewisse Spannung aufgebaut, was wir denn von der Ukraine erwarten dürften. Die kleinen Dörfer an der Strecke sahen genauso märchenhaft aus, wie man es sich vorstellt. Groß angelegte Gleisanlagen, Elektrischkas sowie Kohlezüge prägten den ersten 

Eindruck.

9:14 Uhr lief der Zug 628/16 in der großen Bahnhofshalle zu Lemberg ein. Hier konnte man spüren, wie sich das Reisen vor 80 Jahren angefühlt haben muss. Es fehlten nur noch ein paar Dampflokomotiven und man hätte eine einzigartige Kulisse für einen historischen Film. Wir gaben in der Nähe der großen Wartehalle obligatorisch unser Gepäck auf. Nun hatten wir elf Stunden Zeit Lemberg unsicher zu machen. Nach dem Geldtausch folgten wir entlang der extrem holprigen Straßenbahnschienen gen Zentrum. Auf jeden Fall war es 

auf dem Weg ein Spektakel, die Straßenbahn über die Gleise hüpfen zu sehen. Diese Tramlinie hätte sicher gut als Attraktion für einen Freizeitpark herhalten können.

Wir besuchten  dann das Waffenmuseum in der städtischen Waffenkammer direkt in der Stadtmauer. Anschließend besuchten wir ein stilvoll eingerichtetes Café (sehr intellektuell), wo wir gleich unser exzellentes ukrainisches Frühstück mit Kaffe, leckeren Plini und deftigem Bortschtsch bestritten.


Nach dieser Stärkung ging es zur Altstadt und dem Marktplatz die natürlich UNESCO-Weltkulturerbe sind. Die Altstadt von Lemberg ist wirklich sehr schön und ein großer Teil der Häuser wurde renoviert, insbesondere das Rathaus. Anschließend ging es auf einen kleinen Hügel, von dem man eine tolle Aussicht über die Stadt genießt. Am Abend bestiegen wir dann den 

Rathausturm. Dieser ist ca. 60 Meter hoch und der Aufstieg erfolgt auf einer schmalen Holztreppe in einem entkernten Turm.  Der Ausblick ist hervorragend und auch ein Besuch bei Sonnenuntergang lohnt. Sollte man wieder auf den Boden der ukrainischen Tatsachen zurückkehren, kann man im Anschluss am Rathaus noch Schlittschuh fahren.

Direkt in der Nähe ist die wunderschön anzusehende Oper, umschlossen von einem Park. Jetzt gerade vor Weihnachten versammelten sich hier viele Menschen. Es waren einige Gaukler Vorort und es existierte eine Leinwand für Projektionen. Wir besuchten ganz in der Nähe der Oper ein wirklich vorzügliches Kaffeehaus. Das sehr aufwendig renovierte Interieur ergänzte die 

exzellenten regionalen Patisserie-Köstlichkeiten.

Wir mussten feststellen, dass Lemberg doch einige nette Locations zum postkommunistisch-hippen Konsumieren aufweist. Wir waren am ersten Tag noch etwas knauserig mit dem Geld und gönnten uns nur ein Poulet (gebratenes Hühnchen, beziehungsweise Broiler, respektive Hendl) an einem Imbissstand. Danach mussten wir aber feststellen, dass das Huhn im Vergleich zu einem richtigen Essen im Restaurant eindeutig teuerer war. Daher empfehlen wir in der Ukraine Restaurantbesuche, da diese wirklich sehr günstig und lohnend sind.


Als wir am Bahnhof von Lemberg wieder angekommen waren, stand auch schon der Zug 050Л (50L) von ТРУСКАВЕЦ nach КИЕВ ПАСС (Kiev Pass) bereit. Nach der Einlasskontrolle durch den Provodnik erwartete uns im vierer-Schlafabteil eine Frau auf der Reise nach Kiev. In diesem Zug gab es das erste Mal Probleme mit unserer Fahrkarte und Reservierung. Erstens ist diese Variante in der Ukraine und ganz Russland ziemlich ungewöhnlich und zweitens waren alle Schriftzeichen auf der Fahrkarte lateinisch, was ein durchschnittlicher ukrainischer Kontrolleur nicht zu lesen vermag. Es gab dann eine 30-minütige Diskussion mit unserer Mitfahrerin und uns. Dabei verstanden wir trotz Russischkenntnisse nicht viel. Als dann der Provodnik gemerkt hat, das es keinen Sinn macht mit uns zu diskutieren und wir ja auch rechtmäßige Schlafwagenplätze hatten, ließ er dann von seinem Vorhaben ab. Im Anschluss wollten wir uns noch mit unserer Abteilmitbewohnerin unterhalten. Doch hier merkten wir sehr früh, dass es gar nicht so einfach war eine Konversation zu bestreiten.

Irgendwann schliefen wir ein und erreichten ausgeruht am Heiligabend den Hauptbahnhof von Kiev.



КИЕВ / Kiev Reisebericht

Montag, 24. Dezember 2007


Kiev präsentierte sich redensartlich zugeknöpft bei unserer Ankunft um 6:32 Uhr. Die Wolken hingen tief und es hätte jeden Moment ein Schneesturm losbrechen können. Nach einer kurzen Orientierung ging es mit der Metro zur Haltestelle „Oper“. Die Kiever Nahverkehrsbetriebe verlangten für die Fahrt ganze 7 Cent pro Fahrkarte. Nun machten wir uns auch mit den 

üblichen extrem tiefliegenden U-Bahnschächten vertraut. Die Rolltreppen gehen praktisch unendlich in die Tiefe und man sieht fast gar nicht das Ende. Uns kamen die Rolltreppen durchaus länger vor als später in Moskau. Als wir an der Oper wieder das Tageslicht entdecken konnten, begrüßte uns gleich ein Porsche Cayenne. Für die schlechten Straßenverhältnisse 

außerhalb der Städte ist es wohl das Auto der Wahl, aber nur für gut Betuchte. Wir stärkten uns in einem nahe liegenden Lokal. Das Selbstbedienungsrestaurant war von gehobenem Standard (vergleichbares Geschäftskonzept zu Vapiano) und verkaufte außerordentlich gutes Frühstück für gerade mal 4 Euro. Nach einem Orientierungslauf ging es zu einem weiteren Highlight, die UNSECO Weltkulturerbe deklarierten Höhlenklöster von Kiev. Man kann diese mit der Metro und einem ordentlichen Fußmarsch durchaus erreichen. Die Klöster sind himmlisch in den Hängen der Hügel über dem Djenepr gelegen. Das Areal der Klöster ist riesig und die goldverzierten Dächer zeugen vom großen Einfluss der orthodoxen Kirche in der Ukraine. Es gibt auf dem weitläufigen Areal oberhalb und unterhalb der Erde einiges zu entdecken. So kann man ein paar Höhlengänge besichtigen. In unserer Reisezeit, kurz vor dem orthodoxen Weihnachtsfest, gab es sogar eine Messe. Doch viele der Anwesenden mussten andauernd husten und die Feuchtigkeit der Luft kondensierte schon an den Höhlenwänden. Da dieser Ort wirklich ein Hort für Bakterien und Viren war, nannten wir es kurzerhand die „TBC Höhle“, wobei „Hölle“ dann doch eher zugetroffen hätte. Der beste Ort um eine Erkältung von Gottes Gnaden zu erhalten.

Im Anschluss besichtigten wir die Mutter des Vaterlandes. Inmitten des Kriegsgerätemuseums befindet sich diese Sehenswürdigkeit Kievs. In der Innenstadt ist auf jeden Fall noch die Haupteinkaufsstraße ein lohnendes Ziel.


Insbesondere die Gegend in und um den McDonalds sollte man sich zwecks People Watching nicht entgehen lassen. Wir nahmen die Produkte, Preise und natürlich die Kunden exklusiv unter die Lupe: Der ukrainische BigMac hat einen Preis von 1.84 US$, im Vergleich kostet er in Mitteleuropa indiziert 4.17 US$. Außerdem noch ein interessanter Fakt, der ukrainische BigMac besitzt folgende Komponenten: Weiches Brötchen aus Russland, Qualitäts-Sesam aus Mexiko, frische Zwiebeln aus den USA, lecker gefrorene Beef Patties aus Ungarn, zart schmelzender Käse aus Polen, spezielle Sauce und Gürkchen aus Deutschland und zuletzt knackiger Salat aus der Ukraine selbst. Yam! Den Biss in diesen McCO2 möchte man keine Sekunde hinauszögern...

Nichtsdestotrotz ist es ein trendiger Hotspot für die Schönen in Kiev. Wer was auf sich Hält, geht zum Abendschmaus zu McDonalds.


Unser Konsum in der amerikanischen Systemgastronomie hielt sich in Grenzen und so zogen es wir vor, den Abend erst auf dem tollen Unabhängigkeitsplatz zu verbringen. Dieser Platz ist spätestens seit 2005 jedem von der Nachrichtenberichterstattung über die Orangene Revolution bekannt. Hier befindet sich auch das größte Kaufhaus der Ukraine - Globus. Auf dem Hügel am Platz, über dem Kaufhaus Globus thront das Hotel Ukraina. Danach kehrten wir in ein für Ukrainer hochpreisig angesiedeltes Restaurant. Für elf Euro bekamen wir echt leckeres Essen pro Person, welches auf schönen Tellern durch die gute Anrichtung auch dem Auge etwas bot. Ich hatte das Vergnügen urkainischen Hasen essen zu dürfen, welcher mir hervorragend mundete. Da sich exklusive Restaurants in Osteuropa durch eine ausgefallene Inneneinrichtung auszeichnen (müssen), übertrumpft man sich vornehmlich in der Anzahl an vorhandenen LCD-Fernsehbildschirmen. Zwar war fast alles im Restaurant aufeinander abgestimmt, aber wir konnten uns nicht erklären, wieso auf den Bildschirmen permanent Blut und tote Menschen gezeigt wurden. Anscheinend ist der Inhalt der gezeigten Bilder für den Besucher unwichtig?


KIEV-MOSKAU Киев-Москва Reisebericht


Zurück am Bahnhof von Kiev erwartete uns am Bahnsteig Nummer 1 der Vorzeigezug der RZD und ZU. Hier in der Ukraine fahren die wichtigsten Züge direkt auf Gleis eins ab. Man kann dabei am Kiever Hauptbahnhof den Bahnsteig direkt vom Bahnhofsvorplatz erreichen und somit ist ein niveaufreier Einstieg garantiert. Wir waren jedenfalls von diesem Prinzip begeistert. Man Stelle sich vor in Nürnberg oder Würzburg mal niveaufrei in den einzigen einfahrenden ICE einsteigen zu können.

Der im Fahrplanjahr 2008 neu eingeführte Zug 2 (D2JL) „Stalitza-Expres“ (Hauptstadt Express) nach Moskau mit seiner rekordverdächtigen Fahrzeit von 9:30 Stunden wartete bereits auf uns. Am Einstieg begrüßte uns der freundlichste Provodnik auf der ganzen Reise. Wir hatten uns schon am Bahnhofkiosk mit Champanskoje (Krimsekt) eingedeckt und wollten nun den Heiligen Abend würdevoll abschließen.

Im Abteil bemerkten wir, dass das Vier-Bett-Abteil nur von uns zwei belegt war. Die oberen zwei Betten waren schon für die Nacht präpariert und die unteren zwei Betten waren zu zwei gemütlichen Sofas umformatiert. Wir konnten es uns sehr gemütlich machen. Auf dem Tisch in der Mitte des Fensters lagen schon Zeitungen, Gebäck und das obligatorische Willkommenspaket bereit. Dieses Paket beinhaltet eine original RZD Zahnbürste und Zahnpastete, einen RZD-Haarkamm, einen Plastikbecher, eine Tafel Schokolade und ein 10 Gramm-Päckchen Zucker. Je nach Betreiber des Zuges gibt es für den anspruchsvollen Reisenden noch weitere brauchbare Goodies. Unser Provodnik kam noch zweimal vorbei und erkundigte sich nach unseren Wohlbefinden und notierte unsere Wünsche. Wir nahmen die tollen Zugtassen für den Samovar (stellt heißes Wasser bereit) in Anspruch. In jedem Wagen befindet sich ein solcher und man kann sich nach belieben ein Tee mischen. Der Zug war wirklich sehr, sehr gut eingerichtet und unglaublich sauber. Die Gardinen waren ganz schmucke und die Betten waren unvergleichbar weich. Da wir alleine in einem Abteil waren, konnten wir das Licht ausmachen und einfach die ganze Nacht aus dem Fenster schauen und dabei Krimsekt trinken. Es ist ein einmaliges Erlebnis! Bis heute weckt es unvergessliche Erinnerungen im nächtlichen Winter aus dem großen Fenster zu schauen und die Umrisse der vorbeirauschenden Landschaft und Dörfer zu genießen. Selbst Martin hat diese Form des Reisens elektrisiert. Da waren auch die folgenden Einreiseformalitäten noch das kleinste Problem der Reise, innerhalb von wenigen Sekunden war diese Prozedur abgehakt. Irgendwann ist man dann auch müde und kann sich ganz einfach auf das gemachte Bett im oberen Teil des Abteils freuen. Am nächsten Morgen erreichten wir pünktlich zum Bisnjesbeginn um 06:39 Uhr Ortszeit den Kiever Bahnhof von Moskau. Die Fahrt mit diesem Zug ist uneingeschränkt empfehlenswert und lädt gerade mal zu einem Tagesausflug in eine der beiden Städte ein. Glücklicherweise war an unserem Reisetag der Zug nicht so gut gefüllt - hoffen wir trotzdem das Beste für die Auslastung des herrlichen Zuges und die gute Zusammenarbeit der RZD und ZU.


Fortsetzung mit Zugfotos Kiev-Moskau im Jaroslawl Reisebericht