Von Irkutsk nach Tschita Reisebericht

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Irkutsk - Tschita Reisebericht


Wir verließen zeitig unser Hotel in Irkutsk, um die Marschrutka (Маршрутка) zum Bahnhof zu nutzen. Deshalb erkundigten wir uns schon vorher über die Fahrzeit und welche Liniennummer bis zum Bahnhof verkehren sollte.

Natürlich wurden wir wieder falsch verstanden und uns wurde eine andere Marschrutka empfohlen. An jenem Morgen kam die Marschrutka der Linie 29 und wir fragten noch während des Einsteigens nach, ob es die richtige Marschrutka wäre. Dies wurde von allen Reisegästen bejaht. Dann fuhren wir 15 Minuten und stellten fest, dass wir in die falsche Richtung gefahren sind. Wir waren nun am Busbahnhof anstatt am Bahnhof.

Uns blieben nur noch 20 Minuten bis zur Zugabfahrt. Schnell

organisierten wir ein Taxi. Der Fahrer sah wenig vertrauenswürdig aus und die Windschutzscheibe war zerborsten. Aber ausnahmsweise war der Taxifahrer sofort mit unserem Zielpreis einverstanden. Nach einer Irrfahrt und über Straßen, die definitiv nicht zum Bahnhof führten, erreichten wir fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges den Bahnhof. Über dem herrlich verzierten himmelblauen Gebäude lag eine Nebelbank, die durch die Verdunstungen des Angara-Flusses gespeist wurde. Das führte zu einzigartigen winterlichen Zauber, da alle Bäume mit reif bedeckt waren. Direkt gegenüber dem Bahnhofsgebäude versorgten wir uns mit einer schrecklich fettigen Pizza, Süßigkeiten und dem gesamten Instantsuppenportfolio der Kioske.

Der Zug stand schon bereit und wir enterten unseren Wagen. Es war ein russischer Durchschnittszug mit mittelmäßigen Wagenmaterial. Unser Abteil war schon besetzt durch einen Opa und eine Frau die gerade mit dem Flugzeug in Irkutsk gelandet war und weiter nach Ulan-Ude wollte (die russische Antwort auf Rail&Fly). Der Zug fuhr zuerst durch ein schönes Tal bergauf und ereichte nach ein paar Stunden den Pass.

Anschließend fuhren wir dann aus den Bergen etwa 200 Meter in die Tiefe zum Baikalsee. Am Ufer angekommen hielt der Zug im größten Ort am Baikal - Sljudjanak (auch Sludjanka). Auch wenn dieser Zug nur drei Minuten hier hielt, stellten sofort Babuschkas ihre Körbe mit warmen oder kalten geräucherten Omul in die Wageneingänge. Nun hatte man als Zuggast nur

kurz Zeit um den Kauf abzuwickeln - der standardisierte Preis hierfür lag irgendwo zwischen drei und vier Euro. Vorher sollte man sich aber klar machen, ob man seinen Mitreisenden überhaupt den penetranten Fischgeruch auf der weiteren Zugreise zumuten möchte. Wir entschlossen uns dagegen, da wir schon genug Omul in Listwijanka speisten. Nebenbei sollte man erwähnen, dass die komplette Verkleidung des Bahnhofgebäudes in Sljudjanak (auch Sludjanka) aus Mamor besteht. Die nächsten vier Stunden schlängelte sich der Zug entlang des Ufers. Wir hatten einen wirklich tollen Tag erwischt. Das Wasser war relativ ruhig und der Himmel war blau. Man konnte ohne Probleme auf das gegenüberliegende Ufer schauen. Die Fahrt ist einmalig.  Alle Berge rund um den See waren mit Schnee bedeckt. Wir gönnten uns nun eine Soljanka im Speisewagen. Da dieser Zug kurz vor Neujahr fuhr und auch nicht der höchsten Zugkategorie angehörte, gab es ein Neujahrsspecial im Speisewagen. Die große Soljanka (an die 500ml) kostete 120 Rubel und mundete wirklich hervorragend. Es war wirklich ein gelungener Nachmittag im Speisewagen.


Nach vier Stunden verlässt man die einmalige Strecke am Ufer des Bajkal und fährt den restlichen Weg entlang des Flusses Selenga hinauf. Nach Einbruch der Nacht erreichten wir Ulan-Ude. Die mitreisende Frau aus unserem Abteil stieg aus und es kam ein neuer Fahrgast hinzu. Der Zug holperte durch die Nacht. Wir merkten, dass die Züge östlich von Irkutsk eindeutig langsamer fahren  und die Strecke nicht so gut ausgebaut ist.

Abends erzählte uns der Großvater mehr oder weniger aufregende Anekdoten - aus der Vergangenheit natürlich - und politische - natürlich. So meinte er, dass im Wappen zu Berlin der Bär auf die Gründung der Stadt durch die Russen hinweist. Eine weitere Anekdote war, das echte Russen keinen Kefir trinken würden… Martin hörte noch gespannt zu aber ich fiel alsbald in einen tiefen Schlaf.



1.Januar 2009

Tschita Reisebericht - Da wo selbst die Mafia arm ist! (NZZ Artikel)


Zu nächtlicher Stunde erreichten wir den Bahnhof von Tschita. Es waren -28°C und es war dunkel. Wir gaben als erstes unser Gepäck auf und erkundeten die Umgebung. Da wir noch selber ziemlich schlaftrunken waren, vermochten wir keine längeren Wege zu gehen. Also schauten wir uns die beleuchteten Eisskulpturen an und gingen danach zum Bahnhof zurück. Vor lauter Hunger besuchten wir das Bahnhofscafé. Der Besuch des Cafés glich einer Zeitreise in die UdSSR. Wir wurden von einer Frau bedient, wo man froh sein sollte, dass man überhaupt bedient wird (trotz Selbstbedienung). Sehr unfreundlich und rigide las sie den erschöpften Reisenden in jedem Fall keinen Wunsch von den Augen ab! Nach ein paar Minuten füllte sich das Bistro mit Burjaten und Chinesen die auf ihren Zug über die Grenze warteten. Wir versuchten vergebens gummiähnliche Teigtaschen zu essen. Auch aus den völlig verschmierten 0,15 l Gläschen vermochten wir nicht zu trinken (siehe Foto rechts). Nach der ersten Enttäuschung erkundeten wir die Stadt. Wir hatten schon einige Sensationsberichte über Tschita gelesen und waren uns sicher, Tschita ist nicht der typische Transsibstopp. Auf der Suche nach der Post präsentierten wir Passanten eine Karte von Tschita (Quelle Lonelyplanet) und die Fußgänger flippten total aus. Denn sie hatten noch nie vorher eine Karte von Tschita gesehen. Leider konnten sie mit der Karte überhaupt nicht umgehen und konnten uns somit auch kaum helfen.

Nach einem wirklich informativen Besuch im Naturkundemuseum gingen wir völlig ausgehungert in ein mongolisches Restaurant. Jenes befand sich in direkter Nähe zum Museum. Ja das Restaurant war das Highlight während des gesamten Tschita-Aufenthalts. Das Essen hatte ein super PLV (Preis-Leistungs-Verhältnis). Die Einrichtung war ganz neckisch

gestaltet. Ich aß erst eine Vorsuppe und dann einen typischen

mongolischen Eintopf. Martin gönnte sich hingegen nach einer Suppe ein Hähnchenschnitzel. Service wurde ganz groß geschrieben, somit konnte Martin seinen iPod direkt am Notebook der hübschen Chefin laden. Nur leider waren 1. keine Gäste da und 2. versuchten die unzähligen angestellten ein Feuer im Kamin zu entfachen. Es gab zwar kein Feuer aber ganz viel Rauch im Gastraum…

Leider war dann unser mehr oder weniger abenteuerlicher Tag schon bald rum. Jedenfalls haben wir keinen Mafiosi gesehen. 14 Uhr waren wir dann am Bahnhof und bestiegen den Zug nach Chabarowsk.


Unser Abteil war schon von einem Jungen belegt, der gerade aus Turkmenistan kam und einen Freund in Chabarowsk besuchen wollte. Da er uns leider nicht verstand und er enorm genuschelt hatte, beschränkte sich unsere Konversation auf einige wenige Sätze. Auf jeden Fall war er ein Fan der Band Rammstein. Trotzdem mochte er aber das Lied „Benzin“ nicht. Er kaufte uns an jeder Haltestelle ganz viele fettige Teigtaschen, die wir gar nicht mehr essen konnten. Es war wirklich nett gemeint.


Fortsetzung: Chabarowsk Reisebericht

text: tjark METZNER, nürnberg juli 2009