Frankreich Reisebericht

julia grass, dresden 2009


II BORDEAUX Reisebericht


Zweite Stadt unserer Reise war die des Weins, einer historischen Kleinstadtatmosphäre und frischer Seebrise nahe der Atlantikküste. Erschöpft nach einem Sprint zum TGV in Paris und eher minder erholt durch spätere Nickerchen in diesem, erreichten wir gegen 20:30 Uhr den Bahnhof von Bordeaux.


Obwohl unser Hotel nahe des Grand Théâtres und somit auch des Stadtzentrums lag, nahmen wir die Tram und fuhren einige Stationen. Uns erschien der Weg zu Fuß mit Gepäck, noch dazu um diese Uhrzeit in Anbetracht der bisherigen Aktivität und des sich einstellenden Appetits zu weit.

Jedoch ist davon auch im Allgemeinen nicht abzuraten, da die Straßenbahnen bis nachts maximal im Viertelstunden-takt fahren. Dass man nach einer Fahrt in Bordeaux bei ausgeschmückten Reiseberichten sagen kann, mit der ersten ohne Oberleitung gefahren zu sein, dürfte ein zusätzlicher Anreiz sein. (Wer diese Art Erlebnis anstrebt, sollte jedoch darauf achten, dass zum Beispiel in Bahnhofsnähe durchaus Oberleitungen zur Energiever-sorgung genutzt werden.)


Nach erfolgreicher Suche des Hotels, fanden wir den Eingang in einer kleinen Straße der Innenstadt, gesäumt von Boutiquen, eher unauffällig und sehr klein vor. Dort empfing uns nach Klingeln eine sehr freundliche Französin mittleren Alters, die uns nach den Formalitäten hilfsbereit Tipps für Restaurantbesuche und Stadt-besichtigungen gab. Von ihrem Mann erhielten wir am Morgen danach auch noch den Verweis auf einen unbedingt zu kostenden lokal traditionellen Liqueur, als er erfuhr, dass das Ende der Reise in Angers sein würde.

Zu dem Hotel ist lediglich zu sagen, dass die zwei Sterne an der Aussicht auf graue Hinterhöfe oder den eher minimal gehaltenen Raum des Kleiderschranks gerechtfertigt sein mögen; das Ambiente ansonsten aber nichts zu kritisieren ließ und der Frühstückssalon in der ersten Etage zum Sitzen einlud. (Hotel de France, ab 70 EUR im DZ)


Während wir uns auf die Suche eines geeigneten Restaurants begaben, hatten wir Gelegenheit, Bordeaux bereits in nächtlicher Stimmung kennenzulernen. Wie auch tagsüber wirkte es äußerst familiär, kleinstädtisch, aber durchaus auch kulturell und historisch bedeutsam. Die Gastronomiedichte im Altstadtkern ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen und machte uns eine Entscheidung über das Lokal unseres Vertrauens nicht leichter.


Schließlich aßen wir dort, wo wir bereits zu Beginn unserer Viertelbegehung länger stehen geblieben waren: „Le Parlement des Graves“.

Dort gibt es das Angebot, ein Menu inklusive Entrée, Plat  principale und Dessert/Fromage für knapp 16 EUR zu wählen. Wir empfanden das Angebot als gut – zumal der Wein ebenfalls bezahlbar war – und fühlten uns nach dem Genuss des Essens (der es in diesem Fall tatsächlich ausgesprochen war) zusätzlich bestätigt. Wie immer bei solchen Angeboten, konnte man natürlich nur aus einem Teil des Gesamtangebots für entsprechende Menuteile wählen, hatte allerdings eine große Bandbreite zur Auswahl.

Wir wählten als Entrées Salat aus (aufgrund des dabei vergessenen Wörterbuches: mutmaßlich) frischen Salaten und hauptsächlich Entenleber sowie mit Gemüse gefüllte und gebackene Aubergine. Beides schmeckte sehr gut und hätte, vor allem im Fall des Salats, allein zur Sättigung ausgereicht. Einziger Beigeschmack des sonstigen Beweises einer wirklich guten Küche war die Tatsache, dass Matthias während des Servierens des Entrées eine Ratte erspähen konnte, die eine Runde um zwei Restauranttische drehte und dann wieder in die Nacht verschwand. Da Städte jedoch nie frei von diesen Tierchen sind, das Restaurant ansonsten äußerst hygienisch und gepflegt wirkte und das Essen so gut war, konnten wir vor allem darüber lächeln und es als gut geeignete Anekdote für spätere Enkelkinder ansehen.


Die Hauptspeisen, die auf die erlebnisreiche Vorspeise folgten, waren einmal am Fisch- und einmal am Fleischgenuss von Bordeaux orientiert und ebenfalls lecker.


Bei der Nachspeise wurde es noch einmal spannend: Matthias hatte Fromage anstatt etwas Süßem gewählt und das Heraustreten seiner Augäpfel beim Erscheinen von Kellner und Käseplatte hätte fotografisch dokumentiert werden sollen… Was zu diesem Zeitpunkt unklar war: Von dieser Auswahl aus sechs oder sieben Käsesorten, angerichtet in großen Stücken sowie auf Salat und einer Nussmischung, durfte Matthias nur drei wählen und von ihnen bekam er dann kleinere Stückchen mit wenigen Nüssen auf den eigenen Teller. (Der riesige Präsentierteller mit allen Käsestücken, der ihn so begeistert hatte, verschwand leider wieder. Tja, Franzosen: Viel Schein, im Sein Bescheidenheit und immer „un petit peu“ von allem.)

Aufgrund der reichlichen Vorspeise, war Matthias dennoch zufrieden und konnte im Nachhinein ein gutes Urteil des genossenen Käses – dessen Auswahl in Frankreich unabhängig davon sensationell und eventuell einzigartig ist – abgeben.

Julie hingegen hatte sich dafür entschieden, den Versuch einer ersten original französischen Crème Brûlée  zu wagen. Und sie bereute es nicht. Auch wenn man sich nicht dafür interessiert, hat man mindestens einmal von dieser Köstlichkeit (zumindest gilt das für Karamellliebhaber) gehört und weiß von dem zwingend nötigen Knacken beim Durchbrechen der Dessertdecke mit Löffel/Gabel – Es ist nur zu sagen: Das Knacken war da und der unnachahmlich gute Geschmack ebenso...


Nach doch zu kurzem Schlaf im Hotel begaben wir uns am Morgen danach in das nahegelegene Shoppingcenter, um unser Frühstück zu besorgen. Für einen normalen Einkauf in Deutschland wäre der Zeitaufwand relativ zur Kaufmenge eher unverhältnismäßig gewesen, aber da wir uns ja mit den Waren (die trotz Globalisierung noch immer kleine Unterschiede aufweisen – und wenn es nur der günstigere Preis für President-Käse ist) im fremden Land vertraut machen mussten, war es sicherlich angemessen.


Jedenfalls besorgten wir so unser Frühstück, das wir an der Garonne, die nach Bordeaux in die Gironde fließt, einnahmen. An diesem Morgen schien die Sonne leider weniger und es war fast kühl, da auch ein Fluss meerartigen Wind bewirken kann. So hatten wir einen Anlass, den ersten lokalen Wein in Bordeaux zu öffnen und zu mögen. An dieser Stelle lediglich ein Hinweis für ähnlich unbeschwerte Reisende oder Liebhaber des spontanen Weintrinkens fern von Tischen mit Windschutzwällen: Beim Trinken aus Plastebechern sollte Windstärke und –richtung geprüft werden, wenn man „Umfälle“ der Becher vermeiden und den Wein eigentlich gern genießen möchte… Weiterhin lernten wir aus diesem Frühstück, bei dem ein Weichkäse ungeöffnet blieb und am nächsten Tag gegessen werden sollte, dass man bei sommerlichen Temperaturen trotz Verpackungsschutz kein Vertrauen in die Konsistenz des Käses und die natürliche Kühlfunktion einer Verpackung haben sollte, wenn ein Kühlbehältnis fehlt… Ansonsten hat man, wie wir, Schmelzkäse in der Tasche und später auf dem Baguette.

Der Start in unseren persönlichen Stadtrundgang war mit dem Frühstück insgesamt auf jeden Fall gelungen.


Am restlichen Nachmittag besichtigten wir Kirchen, Plätze – von denen Bordeaux nicht zu wenige hat, erfreuten uns an kleinen Gässchen und netten Franzosen und entdeckten interessante und schöne Kunstwerke neben französischen Zitaten in einer als Ausstellungsraum umfunktionierten Kirche.


Für diesen Tag war außerdem noch der Part des Einkaufens der Reise vorgesehen… Das stellte uns zunächst vor die Herausforderung, am Endpunkt unserer historischen Besichtigung noch zur wirklich langen und eigentlich nicht verfehlbaren Einkaufsmeile zu finden. Bei dieser Aufgabe sahen wir, dass auch eine Stadt wie Bordeaux immer „normaler“, unsauberer und weniger bequem wird, je mehr man sich vom touristisch beworbenen Kern entfernt.


Unser Vorteil beim Einkaufen beziehungsweise vor allem der Julies (für Frauen gibt es in solchen Shop-Ballungszentren ungerechterweise mehr Möglichkeiten) bestand in dem getroffenen Zeitraum des französischen Schlussverkaufs. Der Nachteil wiederum war die Unklarheit darüber, dass der Großteil der Läden bereits 19:00 Uhr schließen würde und so weniger Zeit als erwartet zur Verfügung stand.

Dafür konnten wir unseren Bummel durch einen letzten erfolgreichen Kauf in besagter Einkaufsstraße harmonisch abschließen: Wir stoppten an einer Bäckerei und kosteten ein Cannelè – DIE Gebäckspezialität aus Bordeaux, für die wir trotz kleiner Größe 1,50 Euro bezahlten. Das Besondere dieses äußerlich einem Gugelhupf in Miniformat ähnelnden Gebäcks ist, dass es lediglich einen Tag verzehrt wird. Die Cannelès bestehen charakteristisch aus Rohrzucker, Vanille, Rum und Ei. Interessanterweise soll der Anteil an Eigelb höher als der des Eiklars sein, da dieses zum Filtern des bordelais‘schen Weins genutzt wurde. Der Preis der Cannelès resultiert daraus, dass sie einen weichen Kern bei einer krossen, karamellisierten Kruste besitzen. Diese Eigenschaft verliert sich nach circa acht Stunden, weshalb sie weder exportiert noch über einen Tag hinaus verkauft werden können.


Nach dem langen, unsere Füße beanspruchendem Tag aßen wir nur noch zu Abend und nahmen den Nachtzug nach Nizza mit gratis Kinderschrei-Einschlafmelodie.


Fortsetzung: NIZZA Reisebericht und AVIGNON Reisebericht

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im Le Parlement des Graves

cannelès sind feine törtchen

makronen haben sowohl

hohen preis-, als auch

genussfaktor

Straßenbahnen verkehren teilweise ohne Oberleitung

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