Wir reisen nach KÖNIGSBERG: Kaliningrad, Svetlogorsk (Rauschen), Zelenogradsk (Cranz) Reisebericht

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KALININGRAD - KÖNIGSBERG Reisebericht: Ein Besuch in Ostpreussen mit Aufenthalt in Zelenogradsk (Cranz) und Svetlogorsk (Rauschen)             
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EINFÜHRUNG


Am 26. Juni starteten wir unsere Reise in ein vergessenes Land. Seit nunmehr 65 Jahren gehört das Gebiet um Königsberg als Exklave zu Russland. Niemand, sowohl von deutscher Seite als auch von russischer Seite scheint sich so richtig für das Gebiet zu interessieren und die meisten Leute können keinerlei Verbindung zu diesem kleinen Stück Russland im Nordosten Europas herstellen. Uns beschäftigte hierbei die Frage, wie sich das ehemalige Königsberger Gebiet unter russischer Führung entwickelt hatte und besonders, wie die deutsche Vergangenheit in der Stadt und in den Köpfen der Bevölkerung aufgearbeitet wurde. Als Martin sich vor fast sechs Jahren einen ersten Eindruck von der Stadt Kaliningrad verschaffen konnte, schien alles im Umbruch. Alte Wahrzeichen der Stadt wurden restauriert, viele neue Häuser und Gebäudekomplexe waren im Aufbau. So war für ihn außerdem interessant zu sehen, wie der Fortschritt seither im architektonischen Bild der Stadt zu sehen war.

Schließlich wollten wir auch erfahren, in welchem Verhältnis das Gebiet zum restlichen Russland stand. Welche Identität hatte die Stadt umgeben von aufstrebenden europäischen Ländern, gelenkt vom weit entfernten Moskau angenommen?

Als Höhepunkt unserer Reise sollten unsere Wege nach St. Petersburg führen, wo wir zum einen unsere Freundin Alena wiedersehen wollten und zum anderen uns mit eigenen Augen ein Bild vom Venedig des Ostens machen. Jeder, der einmal in Russland war, schwärmt von der Schönheit der Stadt und hebt sie als eines der prachtvollsten Urlaubsziele im russischen Gebiet hervor.



Anreise über DANZIG


Da es seit einiger Zeit von Deutschland keine Direkt-verbindungen mehr nach Kaliningrad gibt, weder mit dem Flugzeug noch mit dem Zug -Bus ausgenommen- entschieden wir uns über Gdansk (Danzig) in das russische Gebiet zu gelangen. Wir starteten vom Flughafen in Köln. Für rund 35 € hatten wir Flüge der ungarischen Billigairline Wizzair erworben. Kleine Hindernisse mussten jedoch bis zu unserem Abflug überwunden werden. Unser Gastgeschenk für unsere russische Gastgeberin in St. Petersbrug entsprach trotz fachgerechter Verstauung im Gepäck nicht den europäischen Flugrichtlinien. Doch dank Mitleid seitens der Flughafen-security und die Tatsache, dass das Zippo-Feuerzeug nagelneu war,  durfte es dann entgegen jeder Rationalität in der Hosentasche mitgeführt werden. Die nächste Ernüch-terung folgte sogleich. Unser Abflug um 16.20 Uhr konnte wegen Verspätung der Maschine nicht eingehalten werden. Wider Erwarten erschien die Maschine dann um 17.00 Uhr, sodass wir gegen 17.45 Uhr abfliegen konnten.

Angekommen am Gdansk Lech Walesa Airport machten wir uns dann auf die Suche nach dem Transferbus, mit welchem wir in die Stadt fahren wollten. Spärlich gesäte Schilder wiesen auf eine Bushaltestelle hin. Im Vorfeld hatten wir uns die Buslinien Nr. 210 und 110 herausgesucht. Dennoch konnten wir der auf Polnisch geschriebenen Übersicht am Flughafen nicht entnehmen, welche Haltestelle der Hauptbahnhof sein sollte. Wir nahmen schließlich den Bus mit der Nr. 210, da es bereits 20.30 Uhr war und die Aussagen der Personen um uns herum keine Klarheit darüber gaben, welcher Bus nun der richtige war.

Im Bus war es außerdem wichtig, dass man Kleingeld zur Hand hatte, um eine Fahrtkarte beim Busfahrer zu lösen, da dieser größere Scheine nicht wechseln konnte.


Nach einer halbstündigen Fahrt im stark frequentierten Bus erreichten wir das Zentrum der Stadt. Eine malerische Altstadt präsentierte sich vor unseren Augen und wir staunten über die glanzvollen Gebäude, die die Hauptstraße ul. Dlugi Targ säumten. Gleich im historischen Zentrum residierten wir für eine Nacht im neu renovierten und sehr stilvoll eingerichteten Hotel Holland House Residence (ab 80 € im DZ). Hochwertige Materialien sowohl im Schlafbereich als auch im Badezimmer (Duschkabine designed by Jette Joop) luden zum Verweilen ein. In der Dämmerung schlenderten wir durch die Stadt und links vom Grünen Tor, welches sich nur wenige Schritte von unserem Hotel entfernt befand, suchten wir Einkehr in einem der Restaurants direkt an der Mottlau gelegen. Wir speisten traditionelle polnische Suppen- und Fischspezialitäten. Es war sehr auffällig, wie viele Deutsche, die sich zumeist in Reisegruppen aufhielten, in der Stadt unterwegs waren. Dies zeigte sich auch an den Speisekarten und Aushängen der Danziger Gastronomie, welche sehr häufig in deutscher Sprache geschrieben waren. So war auch die Verständigung in Englisch und insbesondere in Deutsch problemlos. Nachdem wir weitere Eindrücke von der Stadt bei Nacht gesammelt hatten, kehrten wir müde zu unserem Hotel zurück.



Ankunft ELBLAG (Elbing) und weitere Zugfahrt


Der Tag begann am frühen Morgen mit einem reichhaltigen Frühstück. Das Buffet unseres Hotels bot eine große Auswahl an verschiedenen Leckereien von Salaten, über Pfannkuchen, Würstchen und Omeletten. An unserem zweiten Transittag wollten wir einen Stopp in Elblag einlegen, um am nächsten Tag in die Kaliningrader Oblast einzureisen. Unsere Tagesplanung wurde kurzfristig vom WM-Spiel der deutschen Mannschaft gegen England am späten Nachmittag beeinflusst. Es galt für uns, die Fahrt ins etwa 60 Kilometer entfernte Elblag so zu planen, dass wir um vier Uhr zum Anpfiff einen Ort gefunden hatten, der das Spiel übertrug. Außerdem wollten wir bei dieser Gelegenheit die zwischen Danzig und Elblag gelegene Marienburg in Malbork besichtigen. Als größter Backsteinbau der Welt ist die 1274 erbaute Burg mittlerweile in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen worden.

Nach dem Frühstück machten wir uns zu einem Rundgang durch die Stadt auf. Auch bei Tag ließ sich die anmutige Kulisse der Stadt entdecken. Hier hatten die polnischen Restaurateure exzellente Arbeit geleistet. Liebevoll wurden die Details der Häuser in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt. Das Flair der Stadt versetzt den Besucher zurück in eine längst vergessene Zeit, wo Handel und Schifffahrt der Stadt ihre Bedeutung gaben. Auch scheint man den Spagat zwischen der einst deutschen Identität und dem aufstrebenden polnischen Geist gemeistert zu haben. Die deutschen Inschriften an den Häusern fügen sich wie selbstverständlich in das Stadtbild ein und wurden ebenfalls bei der Restauration berücksichtigt. 

Als wir gegen Mittag den Weg zum Bahnhof einschlugen, wurden unsere Pläne von der polnischen Bahn durchkreuzt. Der Zug, den wir ins 30 Kilometer entfernte Malbork nehmen wollten, fiel aus unerklärlichen Gründen aus.  Wir warteten also eine weitere Stunde auf die nächste Verbindung, welche jedoch zu einer Zeit fuhr, die ebenfalls nicht mit unserem Fahrplan übereinstimmte. Unser Zeitfenster zur Besichtigung der Burg schrumpfte dadurch auf eine Stunde zusammen, wenn wir pünktlich zum Fußballspiel in Elblag sein wollten.

Nach etwa einer Stunde Fahrt - mit 2.50 € pro Person ein sehr günstiges Fahrvergünugen - erreichten wir gegen 14.30 Uhr Malbork.

Kurz vor Spielbeginn stiegen wir nach Weiterfahrt zum Bahnhof in Elblag aus dem Zug aus. Eilig hasteten wir zum nahe gelegenen Hotel. Wir hatten uns ein anspruchsloses zwei-Sterne-Hotel herausgesucht, welches wegen der Nähe zum Bahnhof für eine Nacht unsere Unterkunft werden sollte. Nachdem wir der deutschen Mannschaft im angrenzenden Hotelrestaurant bei einer leckeren 2€-Pizza zugejubelt hatten, genossen wir das sonnige Wetter. Der Weg bis zur Innenstadt war sehr lang, denn der Bahnhof lag eher dezentral circa 2 Kilometer vom Zentrum entfernt.

Im 2. Weltkrieg wurden 95% der Stadt zerstört und erst 1990 hatte man mit dem Wiederaufbau begonnen. Dementsprechend fehlte es der Stadt ein wenig an Charakter. Die Häuserzüge wirkten wie in einer Modellstadt, alles ist noch neu und zum Teil im Aufbau. Dennoch sind auch hier die Bemühungen zu sehen, der Historie der Stadt als ehemalige Hansestadt gerecht zu werden. Am Tag unseres Aufenthalts fand auf einer freien Wiese im Stadtinneren eine kostenlose Open-Air Veranstaltung statt. Getränke- und Essensstände, sowie Fahrgeschäfte für Kinder verliehen dem Ganzen Kirmes-Charakter. Auch wir ließen uns einige Stunden von der Stimmung der Einheimischen auf dem gut besuchten Festgelände berieseln und schauten den Menschen neugierig zu. Danach zog es uns weiter in eine nahe gelegene Bar, wo wir das Abendspiel der WM verfolgten. Außer einigen wenigen Menschen waren die Straßen sehr leer, obwohl viele Bars und Restos die Straße säumten. Auch in unserer Bar mit eigenem Club im Untergeschoß waren wir bis nach dem Spiel die einzigen Gäste. Da wir am nächsten Morgen früh den einzigen Zug nach Kaliningrad erreichen mussten, machten wir uns auf den Nachhauseweg zum Hotel.



KALININGRAD (Königsberg) Reisebericht


Um 9.59 Uhr fuhr der einzige Zug an diesem Tag in Richtung Kaliningrad ab und sollte gegen 14.36 Uhr Ortszeit in Kaliningrad ankommen. Die Fahrzeit ist beachtlich, da lediglich 130 Kilometer die beiden Städte trennen. Zusätzlich muss aber der Grenzübergang in Braniewo eingerechnet werden und eine einstündige Zeitverschiebung kommt ebenfalls hinzu.

Auf ein ausgiebiges Frühstück verzichteten wir an diesem Morgen und machten stattdessen einen kurzen Abstecher in den örtlichen McDonalds, der sich direkt gegenüber von unserem Hotel in der Aleja Grunwaldska befindet. Mit Coffee-To Go ausgestattet, hieß unsere nächste Station Bahnhof Elblag. Nachdem wir am Vortag bereits schlechte Erfahrungen mit der Termintreue der PKP gemacht hatten, wollten wir heute auf keinen Fall unseren Zug über die russische Grenze verpassen.

Doch erneut ließ uns die polnische Bahn im Stich. Der Zeiger der Bahnhofsuhr hatte längst die 10 überschritten. Auch wurden keine Änderungen bekannt gegeben, die wir ohnehin nicht verstanden hätten, aber die Reaktion der anderen Mitreisenden hätte uns gezeigt, ob der Zug heute noch kam und wie groß etwa die Verspätung war. Andererseits schien außer uns niemand wirklich die Grenze passieren zu wollen. Weder Menschen mit Gepäck noch russische Reisende konnten von uns wahrgenommen werden. Gegen 10.40 Uhr endete unsere Ungewissheit mit dem Einfahren des Zuges. Nur zwei kleine Kurswagen sollten nach Kaliningrad fahren. Dies verdeutlicht erneut die traurige Situation der Exklave. Es beschränkte sich also auf eine kleine Auswahl an Reisenden, die an diesem Tag die Grenze passieren werden. Da man auch im Grenzgebiet nicht ohne Visum in das jeweils andere Land ein- und ausreisen kann, gibt es auch keine Pendler oder Einheimische, die den Zug nutzen könnten.

Die ungefähr fünfstündige Fahrt kostete uns mit Railplus pro Person 5 € und war erneut sehr preiswert.

Die Grenzkontrolle in Braniewo war wegen der wenigen Fahrgäste schnell erledigt und verlief problemlos. Um einen Stempel im Reisepass reicher, waren wir am 3. Tag unserer Reise endlich auf russischen Boden angekommen. Die Fahrt verlangsamte sich danach merklich und einige Erosionen ließen uns den Zustand der Gleise spüren. An manchen Stellen kamen wir nur im berühmten Blümchenpflücktempo vorwärts, sodass die Fahrt mit fünf Stunden tatsächlich gut kalkuliert war. Pünktlich erreichten wir Kaliningrad Hbf um 14.35 Uhr. Der Bahnhof schien wie ausgestorben. Es ließ die Vermutung zu, dass nur wenig Zugverkehr stattfand.

Vom Bahnhof aus war unsere nächste Aufgabe, eine Straßenbahn in Richtung unserer Unterkunft zu finden. Auch dies gestaltete sich zuerst einmal schwierig. Es gab keinerlei Informationen zu Liniennetz oder Fahrplänen. Lediglich auf einer Tafel an der Scheibe in der Straßenbahn wurden die Eckhaltestellen angeschlagen. Nachdem Martin die Fahrerin gefragt hatte, nahmen wir die nächste Bahn ins Zentrum der Stadt. Von hier konnte man schon erste Eindrücke sammeln. Auch der Zustand der Straßenbahn samt Schienennetz hinterließ den Eindruck von Verfall und Rückständigkeit. Teilweise kam die Fahrt einer Achterbahnfahrt sehr nahe. Nach fast einer Stunde Fahrt konnten wir aber nur wenige Schritte von unserer Unterkunft entfernt aussteigen. Dabei waren wir auf die Hilfe des Konduktors in der Bahn angewiesen, da nur die wichtigsten Haltestellen durchgesagt wurden. Die Entfernung vom Bahnhof und der Innenstadt kam uns ewig vor, tatsächlich aber lag es daran, dass die Bahn wegen des maroden Zustands der Schienen nur Schrittgeschwindigkeit fahren konnte.

Von unserer Unterkunft im Regina Haus in der Ul. Tschernychewskowo 78 (ehem. Stagemannstraße) waren wir angenehm überrascht. Im Wohnhaus unseres Gastgebers hatten wir ein eigenes Apartment im Erdgeschoß mit Küche, Schlafzimmer und großem Wohnzimmer. Untypisch für russische Verhältnisse war die Wohnung minimalistisch mit asiatischen Akzenten eingerichtet. In perfektem Englisch gab uns unser Vermieter letzte Tipps für die Stadt. (Hotelempfehlungen siehe unten)


Bis zum Abend liefen wir am Prospekt Mira entlang in Richtung Stadtmitte. Hierbei kamen wir am äußerst sehenswerten Kosmonautendenkmal vorbei, welches an drei Kaliningrader erinnert, die an Weltraummissionen teilnahmen. Kurze Zeit später ebenfalls auf der rechten Seite, wo der Prospekt Pobedy abzweigt, ragte die Königin-Luise-Kirche hinter den Bäumen hervor. In neuem Gewand dient sie heute als Puppentheater. Nachdem wir uns im angrenzenden Park bei etwas zu Trinken entspannt hatten, führte unser Weg am Theater und am gegenüberliegenden Schillerdenkmal vorbei. Leider war während unseres Aufenthaltes keine Vorstellung, sodass ein Theaterbesuch ausblieb. Schließlich am Platz Pobedy angekommen, warfen wir bis Ladenschluss um 21 Uhr noch einen Blick in das moderne großflächige Evropa-Kaufhaus der Stadt. Von Zara bis McDonalds erstreckten sich die westlichen Marken über die gesamte Fläche und leicht hätte man vergessen können, in welcher Stadt man sich gerade befand.

Anschließend speisten wir in einem gemütlichen Souterrain-Restaurant unter einem Ladengeschäftskomplex. Das Restaurant war im authentisch-russischen Stil eingerichtet und bot uns zu einem angemessenen PLV traditionelle russische Suppen, Eintöpfe und Fleischmahlzeiten. Danach kehrten wir in das moderne Bar-Restaurant auf dem Platz Pobedy ein. Von hier hatte man einen ausgezeichneten Blick auf den Platz und die erst 2005 fertiggestellte Erlöserkirche. Nach der Umgestaltung des Platzes anlässlich der 750 Jahr Feier der Stadt 2005 und der umliegenden Errichtung von Einkaufsmöglichkeiten  scheint er sich als Zentrum der Stadt zu etablieren. Auch in den späten Abendstunden herrscht hier buntes Treiben.

Den Weg zum Apartment danach legten wir zu Fuß zurück. Im Vorfeld hatten wir uns einige Ausgehadressen notiert, die auf unserem Heimweg lagen, doch entgegen der sonstigen Feierlaune und Berühmtheit der Russen für das ausgelassene Nachtleben waren die  Bars gegen 1 Uhr schon menschenleer.


Am Morgen unseres vierten Reisetages erwachten wir gewohnt mit Sonnenschein. Ungewöhnlich für diese Region herrschte seit Tagen warmes Sommerwetter. Heute wollten wir uns ganz dem Sight-Seeing widmen und uns die wichtigsten Gebäude und Orte der Stadt anschauen. Besonders Martin war sehr gespannt, was in den letzen Jahren fertiggestellt wurde und wie sich das Stadtbild entwickelt hatte.

Wir nahmen die Straßenbahn vor unserer Haustüre, um zur Dom Insel zu gelangen. Romantisch ragte der restaurierte Dom als einziges Gebäude auf der Insel inmitten einer begrünten Anlage empor. Wir spazierten entlang des Pregelufers an der  Ulitza Oktjabr’skaija in Richtung Honigbrücke, um auf die Dominsel zu gelangen. Dies ist die einzige von 5 Brücken, welche als Zugang erhalten geblieben ist. Von der Jubiläumsbrücke westlich der Honigbrücke hatten wir zuvor einen tollen Blick auf den Dom, das Haus der Räte im Hintergrund und eine neu gebaute Häuserfassade, welche dem alten Baustil nachempfunden ist. Leider kann die Ansicht nicht ganz überzeugen: Gleich rechts hinter den neuen Gebäuden trüben riesige, marode Plattenbauten das Bild und auch links auf der anderen Uferseite des Pregels nimmt ein neuer, verspiegelter und außerdem leerer  Gebäudekomplex dem Bild jegliche Idylle.

Direkt rechts neben dem Brückenzugang standen zwei große Reisebusse aus Deutschland. Eine Vielzahl von deutschen Rentnern tummelte sich darum, und wurde mit Sekt aus Plastikbechern abgespeist, bevor es zur nächsten Alt-Deutschen Touristenattraktion ging. Währenddessen gingen wir zum Grabmal von Immanuel Kant am Nordwestende des Doms und anschließend zum Eingang des Doms auf der anderen Seite. Am Kassenhäuschen im Inneren des ehemaligen Gotteshauses erklärte man uns, dass um 13.30 Uhr ein Orgelkonzert stattfinden würde. Schnell entschlossen wir uns die Besichtigung des Innenraumes auf später zu verschieben, um dem Konzert beiwohnen zu können. Es ging bereits auf die Mittagszeit zu, als wir uns einen kleinen Imbiss im gegenüber des Domes liegenden Viktoria-Supermarkt holten. Hier gab es eine große Auswahl an Köstlichkeiten und auch die Aufmachung und das Warenangebot der Viktoria Kette überzeugte. Wir entschieden uns für Blinis mit Schokolade, geräuchertem Lachs und Braten im Brötchen.

Schließlich betraten wir danach erneut das Dominnere. 25 RUB kostete die ermäßigte Besichtigung des Kant-Museums im Obergeschoß und zusätzlich satte 7 € bezahlten wir für das Konzert im Hauptschiff. Getreu dem Original wurde die Kantbibliothek wiedererrichtet und auch sonst war das Museum liebevoll gestaltet. Manko war wie gewöhnlich, dass es keine Englischen oder Deutschen Erklärungen an den Exponaten gab.

Das Orgelspiel diente als erholsame Abwechslung im kühlen Saal. Man saß mit Blick zu diesem beeindruckenden Instrument, welches erst 2008 von deutschen Orgelbauern gefertigt wurde und ein echtes Prachtstück ist. Sechs kleine Engel am Orgelpodest drehten sich im Kreis und spielten Trommel als Höhepunkt des Vorspiels. Entgegen unserer Erwartungen war die Vorstellung außerordentlich gut besucht. Gegen 15.00 Uhr verließen wir die Dominsel über die Hochbrücke zum Leninskij pr. in Richtung des ehemaligen Schlossplatzes, wo heute die berühmte Bauruine: das Haus der Räte steht. Große blickdichte Bauzäune sperren das Gebiet weiträumig ab. Nachdem man das Gebäude anlässlich der 750 Jahr Feier äußerlich angestrichen hatte, passt es sich trotz allem mittlerweile sehr gut in seine Umwelt ein und fällt nicht zwingend als Fehlinvestition und nutzloser Schandfleck auf. Im größten Hotel der Stadt, dem Hotel Kaliningrad am Ende der Straße ließen wir uns zu einem Kaffee auf der gemütlichen Terrasse des Kofje-First hinreißen. Am Haus der Räte vorbei bogen wir am Ufer des Flußes nach links ab und folgten dem Flusslauf zurück in die Innenstadt. Vorbei am Denkmal für den U-Boot Kommandanten Marinesko, welcher für die Versenkung der Gustloff verantwortlich war, und entlang eines verfallenen Kaskadensystems, fanden wir einen Aufgang, der uns direkt zum Dohnaturm auf der gegenüberliegenden Straßenseite führte. Auch das sich darin befindliche Bernsteinmuseum mit bemerkenswerten Ausstellungsstücken wurde von uns erkundet. Anschließend führte unser Weg von hier aus über das Roßgärtner Tor zum Königstor. Als offizielles Symbol des Stadtjubiläums wurde das Tor komplett restauriert und dient als historischer Festsaal. Danach bogen wir nach rechts in die Frunzenskaja ab, wo bald ein ehemals deutscher jedoch ruinierter Häuserblock auf der rechten Seite zu sehen war. Die Inschriften der Kreuz Apotheke konnten noch gut gelesen werden. Am Gebäude sind optimistisch Restaurationsplakate aufgehängt, wobei ein Abriss im momentanen Zustand des Hauses wahrscheinlicher scheint.

Wir kehrten an den Ursprung unseres Spazierganges am Haus der Räte zurück und ließen es uns in einem Biergarten am Ufer des Schlossteiches gut gehen. Den Abend verbrachten wir im Solnecnyj, einem äußerst stilvollen Fischrestaurant im Rosgärtner Tor. Von der Terrasse hatte man einen herrlichen Blick auf den Sonnenuntergang, der sich im umliegenden Wasser spiegelte.


Am nächsten Tag verließen wir die Stadt bereits in Richtung Ostseeküste. Abschließend sagte Martin, dass sich seit seinem letzten Besuch einiges getan hatte. Dennoch konnten wir keine richtige Linie erkennen, die bei der Stadtentwicklung verfolgt wird. Auch wer auf der Suche nach deutscher Geschichte oder Überbleibseln aus der Königsberger Zeit ist, wird enttäuscht werden. Kaum eine Handvoll Häuser ist erhalten geblieben und auch die Menschen scheinen sich mit der deutschen Vergangenheit nicht mehr zu beschäftigen. Alte Motive, die Nostalgie hervorrufen sollen, werden überall in der Stadt noch verwendet, ganz besonders vom nicht mehr vorhandenen Schloss (welches das kommunistische Regime einst selbst abreißen ließ). Doch laut unserem Gastgeber dient die Nostalgiewelle allein Marketingzwecken. Ansonsten hat man wirklich das Gefühl, dass die Stadt abgeschnitten vom restlichen Russland hilflos vor sich hindümpelt ohne eigene Initiative und ohne Identität. Es scheint sich kein richtiger Nationalanspruch zu entwickeln und unser Vermieter, ein gebürtiger Kaliningrader vermutet, dass die Oblast sich mitten im geeinten Europa nicht dauerhaft in russischer Hand halten wird.



SVETLOGORSK (Rauschen) (Tag 5)


Um 10.00 Uhr wollten wir uns mit unserem Vermieter zur Überfahrt ins etwa 45 Minuten entfernte Svetlogorsk treffen.  Er hatte uns bereitwillig seine Ferienwohnung im Küstenort angeboten. So sprang für uns ein kostenloser Transfer im luxuriösen Mercedes Geländewagen vom einen zum anderen Apartment raus. Auf dem Weg mussten wir ungläubig feststellen, dass in Ostpreußen lauter braches Land vor uns lag. Dutzende Kilometer lang erstreckten sich links und rechts der Straße fruchtbare Wiesen. Doch außer ein paar wilden Blumen und Gras war hier nichts. Kein einziger Acker wurde bestellt, kein Vieh gezüchtet. Dies bestätigte erneut unsere Vermutung, dass niemand sich wirklich um das Land kümmerte und die Menschen aufgrund ihrer Lethargie und Mentalität keine Initiative ergreifen, das offensichtlich vorhandene Potential der Region effizient zu nutzen.

Nur wenige 100 Meter vom Strand und vom Zentrum des  berühmten Kurortes entfernt, hatten wir ein nettes 1-Zimmer Apartment in einem Mehrpartienhaus (Platte), in welchem wir die nächsten vier Tage verbrachten. Direkt neben dem Gebäude war das örtliche Touristbüro untergebracht. Spontan entschieden wir uns noch bevor wir richtig angekommen waren, an einer achtstündigen Exkursion teilzunehmen. Um 13.30 Uhr sollte der Ausflug auf die Kurische Nehrung starten (von denen es in der Hochsaison täglich mehrere gibt). Im Vorfeld hatten wir viel über dieses einzigartige Naturwunder gelesen. Es ist eine lange Kette aus Sandhügeln, die in der Mitte eine Lagune einschließt. Vielfach hatten wir gelesen, dass die Nehrung schon in ein paar Jahren auf Grund der starken Brandung abgetragen sein könnte. So wollten wir unbedingt dieses UNESCO Weltkulturerbe einmal gesehen haben. Bis zur Abfahrt gönnten wir uns ein Mittagessen im einst besten Hotel des Ortes, dem Hotel Russ. Das Essen war hervorragend, doch schien das Hotel seinen Glanz nach dem Bau des 5-Sterne Grand Hotels an der Uferpromenade einzubüßen, in dem bereits Vladimir Putin, Dimitri Medwedew und Gerhard Schröder abstiegen.

Nun sollte uns die mehrstündige Busfahrt bevorstehen, 30 Euro waren uns und den Mitreisenden das Vergnügen wert.

Während der Fahrt wurden wir pausenlos von unserer russischen Reiseleiterin beschallt, die seitenlange Romane über das Gebiet zum Besten gab. Leider waren ihre Ausführungen wie nicht anders zu erwarten auf russisch und konnten von mir nur als leichtes Summen in den Ohren wahrgenommen werden. Die Nehrung selbst beginnt in Zelenogradsk (Cranz) und ist 98 Kilometer lang.

Der erste Stopp auf der Kurischen Nehrung bei Kilometer 23 war die Feldstation Fringilla. Die schon 1901 gegründete Rossitener Vogelwarte war bereits damals berühmt für ihre umfangreiche Vogelberingung. Auch wir wurden Zeuge einer Live-Beringung und konnten uns die Einfangeinrichtung aus der Nähe ansehen.

Weiter ging es zur nächsten Attraktion: Der tanzende Wald auf Kilometer 37. So stark gekrümmte Bäume mit Ringen hatten wir vorher noch nicht gesehen. Das Highlight der Tour befand sich fast am Ende der russischen Nehrungsseite. Ein etwas beschwerlicher Weg auf Holzstegen brachte uns zu einem Aussichtsplateau, von dem man einen atemberaubenden Blick auf Haff und Ostsee hatte. Eine weite Dünenlandschaft erschloss sich vor unseren Augen und nahm uns das Gefühl von Raum und Zeit. Auch die Litauische Grenze war am Horizont zu erkennen. Während einer Stunde Zeit zur freien Verfügung hatten wir noch die Gelegenheit kurz an einem Badestrand zu verweilen. Friedlich erstreckte sich ein schmaler Sandstreifen, der noch nicht vom Tourismus eingenommen wurde Richtung litauischer Grenze. Begeistert traten wir die Heimfahrt an.

Die Nehrung ist für Individualtouristen schwer zugänglich. Die Idee Fahrräder anzumieten, verwarfen wir sehr bald wieder, nachdem wir die Verkehrssituation analysiert hatten und Fahrradfahrer so selten sind, dass diese von Autofahrern gerne übersehen werden. Bezeichnend dafür sahen wir dann auch gleich Fahrradfahrer mit auffälligen Warnwesten. Gegen 21.00  Uhr erreichten wir wieder Svetlogorsk (Rauschen). Den Abend ließen wir bei einem leckeren Abendessen und anschließendem Cocktail gleich neben dem Marktplatz in einem gemütlichen Restaurant mit Terrasse ausklingen.



SVETLOGORSK (Rauschen) (Tag 6)


Am zweiten Tag im Kur- und Badeort (ehem.) Rauschen widmeten wir uns der Erkundung des Ortes. Bekannt als das schönste Seebad im Kaliningrader Gebiet trafen wir hier eine auf Tourismus ausgerichtete Infrastruktur vor. Von unserer Unterkunft in der ul. Marksa ging es etwa 200 Meter die Straße bergauf bis wir das Zentrum des Ortes erreicht hatten. Auf der Hauptstraße zwischen ul. Oktjabr’skaja und dem Bahnhof Svetlogorsk 2 reihten sich dutzende Verkaufsstände aneinander, wo tausendfach der berühmte Bernsteinschmuck verkauft wurde. Nach Jantarnyi, dem Ort direkt an der Bernsteinküste gelegen, wo so viel Bernstein abgebaut wird, wie sonst nirgendwo, soll das Preisniveau des Bernsteins in Svetlogorsk am besten sein. Ansprechende Restaurants säumen den Weg in Richtung ul. Oktjabr’skaja, welche wir einschlugen, um einen Blick auf das Wahrzeichen der Stadt zu werfen. Das historische Warmbad, ein unverwechselbares Jugendstilgebäude, blieb eines der schönsten Gebäude des 11.000 Einwohner zählenden Ortes. Auch weil der Baustil sich sichtlich von der gegenwärtigen russischen Baukunst abhob. Leider ist das Gebäude für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und wir begnügten uns mit der Außenansicht. Weiter geradeaus durchquerten wir den Stadtpark und gelangten auf den Kaliningradskij prospekt, von welchem wir entlang des Mühlenteiches den Weg zum Bahnhof Svetlogorsk I nahmen. Noch einige hundert Meter außerhalb des Zentrums gelangten wir zu unserer Lieblingssupermarktkette Viktoria. Wir deckten uns für die nächsten Tage mit Lebensmitteln ein. Den Rückweg traten wir mit der Bahn an. Wir hatten Glück, denn es gibt nur etwa ein Dutzend Verbindungen täglich vom einen zum anderen Bahnhof der Stadt. In einem großen Bogen umfuhren wir den Ort. Ganze Menschenmengen verließen mit uns den Zug, um einen Tag am Strand zu genießen.

Den Nachmittag verbrachten wir ebenfalls mit Sonnenbaden am Sandstrand, welchen wir über die Zufahrt zum Grand Hotel bergabwärts erreichten. Auch die Wassertemperatur der Ostsee war  angenehm erfrischend. Der Strand war gut gefüllt. Es erwies sich außerdem als schwierig ein freies und sauberes Plätzchen zu finden. Zigarettenstummel und anderer Unrat  finden sich weit und breit verstreut über die gesamte Sandfläche. Das Wasser konnte ebenso nicht als klar bezeichnet werden und schwemmte einigen Stellen undefinierbare Schlammmassen an den Strand. Auf dem Weg zurück gönnten wir uns eine Fahrt mit der Seilbahn westlich des Grand Hotel, die am Bahnhof Svetlogorsk 2 endete. Für je gut 0,50 € bestiegen wir eine winzige und zudem marode Gondel. Mehrfach mit Farbe überpinselt, quietsche das ganze Konstrukt vor sich hin. Schon zu deutscher Zeit war diese Bahn Kult. Die Angst vor dem Zusammenbruch der veralteten Anlage wurde durch die geringe Entfernung zum Gras abgeschwächt.


Über Satellit empfingen wir (ausschließlich) bestes deutsches Fernsehen in unserem Apartment. So mussten wir nicht einmal auf Netzer und Delling verzichten und bevorzugten das Home Viewing bei garantiertem  Unterhaltungswert.

Gegen Abend fanden wir uns am bereits verwaisten Strand wieder. Im Grand Palace Hotel kehrten wir in die Pizzeria Mario ein. Bei einer Pizza und einem Spaten Bräu hatten wir einen tollen Blick auf die sich neigende Sonne und erledigten den  nach mehreren Tagen notwendig gewordenen Internetbesuch bei kostenlosem WiFi im Restaurant.  Entlang der Promenade bewunderten wir den Sonnenuntergang. Gemütliche Holzbänke warteten auf dem ganzen Weg und boten Gelegenheit für einen kleinen Ruhemoment.

Auf der Suche nach einer Disco (irgendwo musste sich das russische Partyvolk schließlich vergnügen) machten wir einen abschließenden Nachtspaziergang entlang der ul. Lenina, zum Kaliningradskij prospekt, wo unser Reiseführer ein Nachtlokal ausgab. Zwar fanden wir die Disco Casanova, doch sahen wir nach Sichtung von einem Besuch ab... Es machte tatsächlich den Eindruck, als ob spätestens um 1.00 Uhr die Bordsteine hochgeklappt wurden und die Nachtruhe anbrach.



SVETLOGORSK (Rauschen) (Tag 7)


Der Tag startete für uns erst am späten Vormittag. Allgemein hatten wir aber keinen Zeitdruck, denn wir wollten uns primär entspannen und einen Ausgleich zu den im Vergleich strapaziöseren Städtetouren in Kaliningrad und später in St. Petersburg schaffen. Bei Kaffee und Kuchen bzw. Blini zum Frühstück im modernen Gastrokomplex Korvet, verbrachten wir angenehme Stunden auf der großzügigen Holzterrasse mit Sonnensegel. Direkt vor dem hölzernen Gebäude mit Konditorei, Restaurant und Pizzeria kamen wir am Thomas-Mann-Gedenkstein vorbei. 

Schon am ersten Tag war uns der am Strand liegende mit Wellblech verkleidete Turm aufgefallen. Dies ist ein Aufzug, dem man ursprünglich für die Veteranen des Krieges gebaut hatte und von dem man direkt zur Uferpromenade gelangen konnte. Von der oberen Plattform hatten wir einen unbeschreiblichen Blick über die Strandküste. Auch zu Beobachtungszwecken der am Strand liegenden Menschen eignete sich der Turm sehr gut. Aus Spaß nahmen wir für je 0,50 € die Dienste des Lifts in Anspruch. Sogar den schläfrigen Kassierer mussten wir dafür aufwecken. Kurz und schmerzlos endete die Fahrt schon nach einigen Sekunden. Die Lebensdauer dieser Attraktion ist ebenfalls schon weit überschritten, trotzdem sollte man sich dieses Vergnügen einmal gönnen.


Um einen Eindruck von der atemberaubenden Küstenlandschaft zu gewinnen, wanderten wir gen Westen entlang des Strandes. Ursprünglich wollten wir von Svetlogorsk bis nach Primor’e gelangen. Der Weg erwies sich jedoch als steinig und schwer. Fernab von Badegästen und Sandstrand balancierten wir auf Überesten von Podesten einer ehemaligen Strandpromenade.

Überall aus dem Wasser ragten vermoderte Pfähle, die daran erinnerten, dass es hier einmal viele Zugangsstege zum Wasser gegeben haben muss. Ruiniert und verwahrlost war das Gebiet in welchem wir uns nun bewegten. Mal mussten wir über Baumstümpfe steigen, oder den Wasserweg nehmen, um vorwärts zu kommen. Wir kamen vorbei an schönen Schluchten. Einen romantischen Strandspaziergang sollte man sich jedoch nur bedingt erhoffen. Verdrecktes Wasser, viel Müll, sowie steiniger oder mit Gestrüpp belegter Strand machten ein Badevergnügen nicht attraktiv. Nach mehreren Stunden monotonem Ganges erreichten wir dann ein weiteres Betonüberbleibsel, welches als den russischen Strandurlaubern als Weg diente. Der Clou hierbei war allerdings, dass man über einen Ast klettern musste, um erst einmal auf den schmalen Betonstreifen zu gelangen. Charakteristisch zeigte sich erneut, dass keine Anstrengungen zum Aufbau einer echten touristischen Infrastruktur unternommen werden und man die Gegebenheiten, so schlecht sie sind, annimmt. Irgendwann war die ewige Wanderung ohne Orientierung nicht mehr ganz so vergnüglich. Auch gab es seit ein paar Stunden keinen offiziellen Aufgang mehr, der zu einem Ort führte. Wir nahmen einen Waldweg nach oben, in der Hoffnung, dass er uns auf eine Straße führte. Ein verwunschener Pfad leitete uns steil nach oben, wo wir an einer kleinen Siedlung herauskamen. Unzählige Mückenstiche hatte uns der kurze Trip durch den Wald gekostet. Bis zu mehreren Zentimetern schwollen die Stiche in den Folgetagen an und juckten natürlich. An der Straße angekommen, waren wir uns nicht sicher in welche Richtung wir gehen mussten, um nach Primor’e zu kommen. Waren wir zu weit oder noch vor dem Ort? Wie gewöhnlich gab es keinen Fahrplan an der gegenüberliegenden Bushaltestellte und nur durch Zufall entdeckten wir, dass das Gebäude vor welchem wir standen ein Sanatorium war, welches in unserer Karte verzeichnet war. Enttäuscht stellten wir fest, dass wir nicht einmal den Ort Lesnoe, der sich etwa zwischen Primor’e und Svetlogorsk befand, erreicht hatten. So drehten wir an dieser Stelle um, und liefen die etwa fünf Kilometer an der Straße entlang zurück. Auf dem Weg kamen wir an einem alten ehemals deutschen Gasthaus vorbei, auf welchem noch deutsche Inschriften zu lesen waren (siehe Fotos).

In Otradnoje hatten wir beim Durchmarsch einmal wieder viele neue Investruinen zu bestaunen. Dies sollte uns in den nächsten Tagen weiterhin beschäftigen. Aus Spaß fingen wir irgendwann an, Häuser zu zählen, die aufgrund von Geldmangel nicht mehr weitergebaut wurden und einfach im Rohzustand verfielen. Unser Favorit zurück in Svetlogorsk war eine Bauruine, die schon seit 1988 im Rohbau vor sich hinvegetiert.



SVETLOGORSK (Rauschen) (Tag 8)


Der Samstag stand ganz im Zeichen des anstehenden WM-Spiels Deutschland-Argentinien. Bis zum Anpfiff relaxten wir am Strand, der an diesem Tag überfüllt war. Schließlich war Wochenende und die Touristen vor Ort mussten sich die Fläche mit den Einheimischen und Tagesbesuchern aus den umliegenden Orten und Kaliningrad teilen. An unserem ersten Tag, als wir von Strand den Aufgang  zum Hotel Russ nahmen, sahen wir, wie Arbeiter Holzplanken abluden und dabei waren, direkt neben der Aufgangstreppe auf einer flachen Anhöhe eine Terrasse aufzubauen.  Nach nur 3 Tagen konnte sich das Werk sehen lassen. Ein eleganter Pavillon mit Bar und Strandkörben war entstanden. Wir genehmigten uns einen Cocktail, der sehr an westliches Preisniveau angepasst war, jedoch frisch zubereitet wurde und super schmeckte, und beobachteten die See von unserem Strandkorb aus.

Fast hätten wir noch das Spiel verschlafen, und so mussten wir uns beeilen, um rechtzeitig zum Spiel vor einem Flimmerkasten zu sitzen. Unser Stammlokal auf dem Marktplatz, welches auf der Terrasse einen großen Fernseher aufgestellt hatte, war leider bereits voll und auch im Korvet Restaurant waren die besten Plätze schon belegt. Kurzerhand nahmen wir vorlieb mit einer Bar neben dem 4D-Kino. Wie nicht anders zu erwarten, gab es außer uns keine Deutschen, trotzdem ergriffen einige Russen Partei für die deutsche Mannschaft. Ein russischer Deutschland Fan, der einige Zeit in Oberhausen gelebt hatte, fragte uns, was wir hier machten und als wir ihm keine familiären Gründe nennen konnten, war er sichtlich erstaunt. Scheinbar sind deutsche Touristen, beziehungsweise nicht-russische Touristen sehr selten. Dies zeigt sich auch, dass in der Hauptstraße, wo sich das touristische Leben abspielt, die meisten Restaurants weder englische noch deutsche Speisekarten anbieten können. Den überraschend hohen Sieg der deutschen Elf feierten wir bei leckerem Schaschlik und Pommes. Abschließend verbrachten wir den Abend an unserem Stammplatz im Restaurant neben dem Marktplatz und verfolgten die zweite Partie des Abends. Zuvor wollten wir in einem anderen Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu Abend essen, doch wollte man uns dort nicht richtig verstehen und wir traten bald die Flucht an.


ZELENOGRADSK (Cranz) (Tag 8)


Heute hieß es schon wieder Rucksäcke packen. Ein letztes Mal gingen wir die Hauptstraße hinab. Wir wollten zum Schluss noch einmal die Bernsteinstände begutachten, ob sich ein Schnäppchen machen ließ. Doch wollte uns nichts recht gefallen. Eine deutsche Reisegruppe passierte unseren Weg und der Strom wollte gar nicht aufhören. Vom Liftturm konnten wir die riesige Gruppe samt Busfahrern und Reiseleitung entdecken. Nachdem wir sozusagen bei unserem netten Vermieter ausgecheckt hatten, machten wir uns auf den Weg zur vermeintlichen Bushaltestelle am Bahnhof Svetlogorsk 2. Wir hatten noch etwas Zeit bis der Bus um 12.21 Uhr fuhr und so bestellten wir noch einen Kaffee im danebenliegenden Kruassan Kaffee, eine stilvolle Kette, die uns schon in Kaliningrad aufgefallen war.

Martin bemerkte schnell, dass der Bus von hier nicht nach Zelenogradsk abfahren wird. In Eile nahmen wir den gerade bereitgestellten Zug zum Bahnhof Svetlogorsk I, denn bei unserer Tour zum Supermarkt hatten wir vor ein paar Tagen bemerkt, dass am Bahnhof hoher Busdurchlauf herrschte, der von der Richtung nach Zelenogradsk führen musste. Wir hatten Glück und mussten nur etwa eine Dreiviertelstunde warten, bis ein Mini-Bus (in der Größe einer Maschrutka) vorfuhr. Im voll besetzten Kleinbus waren unsere Rucksäcke eher hinderlich und wir waren froh, dass im nächsten Ort einige Menschen ausstiegen, sodass wir uns setzen konnten. Nach etwa einer Stunde Fahrtzeit im sehr langsamen Bus erreichten wir den Bahnhof in Zelenogradsk, dem ehemaligen Kranz.

Nachdem wir uns orientiert hatten, steuerten wir unser Hotel Kurhaus Kranz an, welches ungefähr 400 Meter vom Bahnhof entfernt war. Ein geräumiges Zimmer mit Balkon wartete auf uns. Von diesem hatten wir auf der rechten Seite einen Blick auf die Lenin Statue und ein verfallenes Gebäude aus deutscher Zeit, dessen frühere Schönheit wir nur erahnen konnten. Ob das Gebäude aber jemals wieder in Glanz erstrahlen wird, bleibt abzuwarten, derzeit scheinen die Sanierungsarbeiten eingestellt worden zu sein.

Bei unserem obligatorischen Rundgang durch die Stadt entdeckten wir noch viele alte deutsche Häuser und hatten Freude zu erraten, was in verblasster deutscher Schrift an den Hauswänden zu lesen war. Auch den Wasserturm war es wert, zu umrunden, auch wenn noch einiges bis zur vollkommenen Restauration getan werden muss.

Am Strand erlebten wir eine Überraschung: Noch nie zuvor hatten wir einen so überfüllten Strand gesehen. An der  Promenade machten wir Halt in einem Biergarten  bevor wir zum Bahnhof zurückkehrten. Auf dem Weg nach Zelenogradsk waren wir etwa zwei Kilometer vor der Stadt an einer Häusersiedlung vorbeigefahren, die einer Geisterstadt glich. Hunderte Häuser in gleichem Baustil standen wie aus dem Ei gepellt mitten in der Landschaft. Dies wollten wir uns einmal näher anschauen. Mit dem Taxi fuhren wir zur Siedlung.  Umzäunt und mit Kameras abgesichert, lagen die Häuser vor uns. Dichtes Gras und Unkraut wucherte zwischen den Häusern und machte uns klar, dass es sich hier um eine echte Geisterstadt ohne Bewohner handelte. Der Versuch durch eine Schranke näher an das Geschehen heranzukommen, wurde aber durch einen im verspiegelten Glashaus sitzenden Wachposten unterbunden. In einem benachbarten Wohngebiet, in dem offensichtlich Menschen lebten, sahen wir weitere kuriose Baukunst. Abgesehen davon, dass die Häuser ganz ansehnlich waren, schien auch hier das Geld ausgegangen zu sein. Zugemauerte Eingangstüren oder halbbedeckte Dächer (immerhin mit Fenster) waren keine Seltenheit.

Der Bus fuhr uns zurück in die Stadt. Wir aßen in „Captain Flints“ Restaurant zu Abend und waren vom guten Preis-Leistungsverhältnis überzeugt. Zwar gab es nicht alle angebotenen Gerichte zu bestellen, aber dennoch kamen wir bei den Fischgerichten auf unsere Kosten. Wir ließen den Abend später auf einer Terrasse an der Uferpromenade in unmittelbarer Nähe zum Restaurant gelegen ausklingen und staunten dem tiefroten Sonnenuntergang.



Fortsetzung der Reise: St. Petersburg Reisebericht


 

TEXT: VANESSA SEIFERT

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Königsberg